Sonntag, 22. Juli 2018

Jagdbeute, Leseprobe





Meine lieben Leserinnen,

ein wenig müsst ihr euch noch gedulden, ehe Jagdbeute erscheint. Aber es dauert nicht mehr zu lange. Um euch die Wartezeit ein wenig zu versüßen, ist hier eine Leseprobe für euch.

Klappentext:

Welches Mädchen träumt nicht davon, den edlen Prinzen zu heiraten, nachdem er sie vor dem Drachen gerettet hat? June passiert genau das, nur dass ihr Prinz sie vor einem Fleisch gewordenem Monster rettet und sie als Jagdbeute in eine fremde Welt verschleppt.

June findet sich als Sklavin von Sakuro wieder, dem Herrscher von Sumapask. Seine Absichten sind alles andere als edel und er verlangt ihre vollkommene Unterwerfung. Um das zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht, sogar Liebe.

June wehrt sich heftig gegen seine zunächst unwillkommenen Avancen. Kann sie die Schlacht gegen ihn, ihr Schicksal und ihr Herz gewinnen?


Kapitel 1

Sakuro starrte auf seine glänzenden Stiefelspitzen, während er auf dem makellosen Pfad trampelte, der sich durch seine privaten Gärten schlängelte. Jeder Schritt drückte seine Frustration aus und eine Matschpfütze käme ihm gerade recht.
Stampf! Stampf! Stampf!
Wie gerne würde er der Megazicke Nadena ins Haar packen, seine Hand in den schimmernden Strähnen vergraben, um dann ihre überheblich selbstgefällig grinsende Visage in der schwarzen Brühe einzutauchen, und zwar solange, bis sie ihre Schandtaten bereute.
Wie hatte sie es wagen können!
Dieses anmaßende, wunderschöne Scheusal!
Sein Blick richtete sich auf das Rosenbeet, bei denen jedes einzelne Blütenblatt von Türkisblau in Türkisgrün überging. Die Makellosigkeit dieser zarten und abgestimmten Nuancen ließ seine Wut weiter hochkochen, die sich wie eine schwarze Lebensform auf sein Gemüt legte. Die blöden Blumen waren genauso perfekt, wie der Rest der Anlage. Daher verspürte er das Bedürfnis, ihnen die Köpfe abzureißen. Ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen, könnte er eigentlich verwüsten, was immer er auch wollte.
Theoretisch zumindest!
Schließlich herrschte er mittlerweile über Sumapask. Bis vor kurzem waren Sumaria und Paskania zwei sich feindlich gegenüberstehende getrennte Welten auf dem Planeten gewesen, die sich nach einer langen Durststrecke wieder vereint hatten. Nach einem letzten Blick auf die blühende Pracht, sinnierte er darüber, sich richtige Schädel zu suchen, die er einschlagen und abtrennen konnte.
Meine Frustration hat nichts mit Nadena zu tun!
LÜGNER!
Graue Haare! Bauchansatz! Mundgeruch! Froschfüße! Speckgriffel! Und … und … Pickelarsch!
Dieses affektierte Miststück! Mit der Hand schlug er sich gegen den Bauch, der seiner Meinung nach, vor Flachheit und Härte nur so strotzte. Und über seine schlanken, wohlgeformten Finger gab es bestimmt nichts zu meckern! Woher wollte sie überhaupt wissen, dass seine Füße nicht formvollendet waren? Diese Ausgeburt einer Giftspritze! Vorgestern hatte die Regentin von Paskania ihn mit einer gefriergetrockneten dröhnenden Stimme, die vor Gemeinheit nur so tropfte, auf einem Bankett abgewiesen. Sein Ego befand sich bis zu dieser Sekunde in Schockstarre. Am liebsten würde er nie wieder an Nadena denken, aber natürlich tat sein Verstand es seit der Abfuhr unentwegt. Und aus dem Weg konnte er ihr auch nicht gehen!
Warum nur wollte er sie jetzt unbedingt, weitaus heftiger, als vor der Niederlage seines Lebens? Nadena gebärdete sich im Bett bestimmt wie eine Samtkatze und alles andere als unterwürfig. Aber leider konnte er die Zicke nicht einfach über seine Schulter werfen, sie verschleppen, um sie von seinen Qualitäten zu überzeugen. Bedauerlicherweise war sie keine Sklavin. Das hinderte Sakuro jedoch nicht daran, den köstlichen Gedankenfaden weiter zu spinnen. Ehe er sie gründlich fickte, würde er ihr gekonnt den Arsch versohlen, damit sie ihn nach getaner Arbeit auf den Knien um einen Orgasmus anbettelte. Und das würde sie tun, während ihr dicke, fette Tränen der Reue die Wangen hinabtropften – Perlen seines Triumphs. Schließlich beherrschte er meisterhaft die Kunst des Lustschmerzes. Ruck zuck würde er sie in zitternde, bebende, stammelnde Bestandteile zerlegen, die sich ihm unterwarfen, und sich zu guter Letzt, wie Seide an ihn schmiegten.
Dabei hatte sie sich bei früheren Begegnungen völlig anders verhalten. Hatte er ihre Signale dermaßen falsch interpretiert? Büßte er an Anziehungskraft und Fingerspitzengefühl ein? Abrupt blieb er stehen, da sich seine Gedanken plötzlich in eine völlig andere Richtung bewegten. Jetzt, mit etwas Abstand betrachtet, hatte Nadena sich eigenartig verhalten. Das lag nicht nur an ihrer ablehnenden Haltung ihm gegenüber. Den Finger konnte er allerdings nicht darauflegen, was ihn im Nachhinein störte. War es ihre Körperhaltung gewesen? Oder wie sie gesprochen hatte?
„Sire?“ Die melodische zaghafte Stimme ließ seine Kopfhaut prickeln. Wieso nur, fürchtete sich fast jeder vor ihm? Schließlich war es auf Sumapask verboten, Sklaven grundlos zu quälen oder sie gar zu töten. Er selbst hatte die Strafen darauf drastisch verschärft. Daher konnte Sakuro nicht verstehen, weshalb zum Gatak, sie nicht ein wenig Stärke zeigen konnten. Außerdem ärgerte es ihn maßlos, weil das Schicksal nicht in sein Dasein eingegriffen und ihm die Sternentochter Fia vorenthalten hatte. Die wilde Fia wäre ein würdiges Gefecht. Sein unfassbar heftiges Sehnen nach einer wirklichen Herausforderung, hätte mit ihr bestimmt ein Ende gefunden. Doch Fia hatte sich für Rasul, den Prinzen von Sumaria, der zudem auch Sakuros rechte Hand war, entschieden.
Äußerst schade!
Ehrlicherweise war es keine freie Wahl gewesen. Rasul und die Sternentochter waren Seelenpartner, und Magie aus der alten Welt hatte für ihr Aufeinandertreffen gesorgt. Sie konnten gar nicht anders, als sich zu lieben, ein Umstand, den Sakuro bis zum heutigen Tag nicht verstand. Sie hatten sich vereinen müssen, um Sumapask vor den Schattentoten zu retten. Rasul und Fia hatten eine Menge durchlitten, ehe sie sich selbst gegenüber eingestehen konnten, dass sie füreinander bestimmt waren. Aber der Prinz von Sumaria, war mittlerweile ein glücklicher Mann, denn auch jetzt bot Fia Rasul mehr als nur die Stirn. Sie war eine höchst aufmüpfige Sklavin, die ihre Grenzen stets ausreizte. Und sie nutzte ihren Status als Rasuls Frau wirklich aus. Die Attribute Sklavin, Partnerin und Liebe flossen bei ihnen nahtlos ineinander über.
Sobald er sich herumdrehte, zuckte Malura zusammen, denn seine angepisste Mimik ließ sie nicht kalt. Ein paar Männer der Garde hatten sie vor einem sadistischen Bastard gerettet, der sie emotional und körperlich aufs Schlimmste gequält hatte. Der Bastard bezahlte sein Vergehen mit dem Leben, aber das wunderschöne Geschöpf ging gebrochen aus der Hölle, die sie bis zum Rest ihrer Tage prägen würde. Die Sklavin mochte zwar Lustschmerz, doch die Pottsau hatte dafür gesorgt, dass sie es nicht mehr genießen konnte. Die Narben auf ihrer Seele reichten tiefer, als die auf ihrem bezaubernden Körper. Langsam bezweifelte Sakuro, dass Malura jemals wieder zu irgendeinem Menschen Zuneigung fassen konnte. Zwischendurch waren leichte Fortschritte erkennbar gewesen, vor allem zu der Zeit, als Rasul sich intensiv um sie gekümmerte hatte. Doch diese verschwanden nach und nach. Um ihre Seele zu besänftigen, forderte Malura ständig Bestrafungen heraus, vorzugsweise durch eine Peitsche. Seitdem sie das durchschaut hatten, schenkte ihr niemand mehr Schmerz. Den würde sie sich mit dem kostbarsten Gut, das sie zu vergeben hatte, erarbeiten müssen: Vertrauen. Er zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht und schaute Malura fragend an.
„Rasul und Tabith möchten dich sprechen, Sire.“ Sie vermied es, ihm in die Augen zu sehen, und starrte stattdessen einen anscheinend wahnsinnig interessanten Punkt über seiner Schulter an. Er bekämpfte den Drang, sie zu schütteln oder sie vorzugsweise zu küssen und zu lecken. Wenn Frustration oder Wut ihn plagten, stellte Sex für ihn immer die perfekte Lösung dar, um sich zu entspannen. Offensichtlich brauchte er eine Entspannung, so dringend wie nie zuvor. Er könnte sich zwei willige Sklavinnen schnappen und ihnen all die Dinge antun, die er bei Nadena nicht anwenden durfte. Doch das würde seine Gier nur unzureichend stillen. Er wollte einen richtigen Wildfang, der ihm erst in die Nüsse trat, ehe Sakuro ihn davon überzeugte, dass ein Mund nicht nur zum Essen und Schreien taugte.
Allerdings beschäftigte er sich nur mit solchen Gedanken, da die letzten Monate hart gewesen waren. Die Bedrohung der Schattentoten schwebte nach wie vor über ihren Köpfen. Doch sich ausschließlich mit Krisen und Gefahren zu beschäftigen, sprengte selbst seine Seele. Sakuro zwang sich zur Ruhe, denn schließlich verdiente die Sklavin seinen Unmut nicht. Er brauchte einfach nur ein Ventil für seine innere Unzufriedenheit. Er sollte sich lieber mit Rasul oder Tabith im Zweikampf messen. Die beiden standen ganz oben in seiner Führungsriege und traten als würdige Gegner auf. Ein Faustkampf hatte unterm Strich noch niemandem geschadet.
Unter Maluras beschleunigter Atmung wogte ihr Busen unter dem durchsichtigen Gewand. Fia hatte um eine Abschaffung der Kleidungsstücke gebeten. Aber in diesem Punkt zeigte er sich hartnäckig. Er hatte Fia bereits genügend andere Zugeständnisse gemacht. Jeder Sklave hatte wegen Fia ein Anrecht auf acht freie Tage im Monat.
„Es ist dringend, Sire.“ Maluras Tonfall hörte er deutlich an, dass sie mit dem Schlimmsten rechnete und sich wahrscheinlich bis ins Detail vorstellte, wie er sie einfach blutüberströmt in Grund und Boden stampfte. Als würde er so etwas jemals tun! Ja, er liebte es, nackte weibliche Popos unter der Hand zu spüren, auch, sie eher sanft auszupeitschen, doch nie grundlos. Schmerz war entweder ein Genuss- oder ein Foltermittel. Wenn man an sein jeweiliges Ziel gelangen wollte, musste beides mit Bedacht eingesetzt werden.
Plötzlich stellten sich ihm die Nackenhaare auf und seine Haut auf den Unterarmen kribbelte. Anscheinend war seine Langeweile beendet. Vielleicht hätte er die geringe Zeit nutzen sollen, um sich auszuruhen. Gute Nachrichten warteten sicherlich nicht auf ihn. Was immer es war, konnte ein Fingerschnippen nicht einfach aus der Welt schaffen.
„Sie sind in der Bibliothek, Sire.“
„Du kannst gehen, Malura.“ Er lächelte sie erneut an, doch sie dachte nach wie vor, dass er ihr gleich die Haut abziehen wollte. Das erkannte er deutlich an ihrer Körperhaltung, die einem bis zur Grenze angespanntem Bogen ähnelte.
Sakuro wartete nicht, bis Malura sich in Bewegung setzte. Mit weit ausgreifenden Schritten hastete er in den Palast und seine Stiefel hallten auf den steinernen Böden. Daher hielten die Wachen bereits die knarzenden Türen zur Bibliothek auf, noch ehe sie ihn erspähten. Bei seinem Eintreten standen Rasul und Tabith am Fenster und ihre Körper könnten nicht steifer sein.
Sobald er Sakuro ansah, sagte Rasul: „Wir haben ein Problem.“ Rasul bezeichnete nur Dinge als Problem, die den Namen auch verdienten.
„Die Schattentoten sind zurückgekehrt.“ Tabith lief ein Schaudern über den Körper. Sein abergläubischer Lieutenant, lag oft richtig mit seinen Vorhersagen. Daher nahm mittlerweile niemand seine Worte auf die leichte Schulter oder belächelte sie, wie sie es anfangs getan hatten. Dieses Mal schien es nicht nur eine Ahnung zu sein, die Tabith bis aufs Äußerste beunruhigte.
Sie alle hatten gewusst, dass die Bedrohung durch die lebenden Toten nach wie vor existierte, und nur darauf lauerte, über sie herzufallen. Zwar hatten sie das Arschloch Diego zur Strecke gebracht, der einen perfiden Plan geschmiedet hatte, um Sumapask an die Gestaltwandler zu übergeben. Dieses fiese Volk brauche einen neuen Planeten und dazu gingen sie über Leichen. Diego hatte aus dem Vorhaben als reicher Machthaber hervorgehen wollen. Um dieses Ziel zu erreichen, hatte Diego die Infektion zum Leben erweckt und damit eine unaufhaltsame Welle in Bewegung gesetzt. Die schleimige Ausgeburt erpresste damals Fia, indem er ihr Seelenpferd Suno entführt und damit drohte, ihn zu ermorden, falls Fia nicht ein Artefakt aus einem Tempel aus der alten Welt holte, der ihm die Herrschaft über die Schattentoten geben sollte. Als eine der wenigen Auserwählten beherrschte Fia die Magie aus der alten Welt. Zu dem Zeitpunkt hatte sie allerdings nicht gewusst, welche Kräfte ihr innewohnten. Doch Diegos Plan ging gründlich daneben. Die Magie hatte sich Diego geholt und ihn in eine Million Teilchen zersprengt. Doch die ganze Zeit über, plagte Sakuro die Ahnung einer Gefahr, die unentdeckt auf sie lauerte. Vielleicht war Diego nur ein winziges Rädchen im Getriebe gewesen, der wissentlich geopfert wurde, um im Stillen, die wahre Bedrohung vorzubereiten. Und jetzt nahmen seine Ahnungen Gestalt an.
„Wo?“, verlangte Sakuro zu wissen.
„Nicht hier. Sondern auf der Erde. Elnox hat uns gerade kontaktiert. Ihm sind ein paar Nachrichten in die Hände gefallen“, antwortete Rasul.
Elnox war ein drakanischer Pirat und Spion, der bis vor neun Monaten ihr Gefangener gewesen war. Mittlerweile nahm er sowohl die Stellung als ihr Verbündeter und als Sakuros guter Freund ein. Beide Worte benutzte Sakura nicht leichtfertig.
„Auf der Erde? Ist das nicht der Planet, bei dem wir vor unzähligen Jahrtausenden eingegriffen haben, indem wir die großen Echsen vernichtet haben?“
„Genau der. Anschließend wurde er als Gefängnisplanet missbraucht und ist dann in Vergessenheit geraten“, klärte Rasul ihn auf. „Es wundert mich, dass du ihn kennst.“
„Das ist Fias Werk. Sie interessiert sich sehr für Geschichte und ich habe ihr bei der Auswahl einiger Bücher geholfen. Mir ist eins hingefallen und genau an der Stelle aufgeklappt, an der die Erdengeschichte beginnt.“ Sakuro spürte den Blick von Tabith auf sich.
„Das kann kein Zufall sein“, flüsterte Tabith unheilvoll. Der Krieger, der in Schlachten ohne mit der Wimper zu zucken töten konnte, wechselte die Farbe wie ein Chamäleon aus den Outlands. „Du solltest uns das überlassen und lieber auf Sumapask bleiben.“
Sich die Gelegenheit entgehen lassen, aus dem erdrückenden Trott auszubrechen und die Schmach durch Nadena aus seinem Organismus zu bekommen? Eher froren die Hitzefelder auf Nuras zu.
Rasul verdrehte förmlich die Augen, als er Sakuro musterte. Schließlich kannte er Sakuro so gut wie niemand sonst. „Elnox hat bereits einen Kundschafter ausgeschickt, der nach ungewöhnlichen Aktivitäten Ausschau hält. Laros ist sein Cousin und ist in einem Land mit dem seltsamen Namen Schottland fündig geworden. Wir sollten uns das vor Ort ansehen.“
„Wann brechen wir auf?“, fragte Sakuro, um jede weitere mögliche Diskussion, im Keim zu ersticken.
„In einer Stunde trifft Elnox ein. Für die Reise brauchen wir ungefähr einen Tag“, erwiderte Rasul.
Eine seltsame Vorahnung packte Sakuro, und für eine Sekunde spielte er mit dem Gedanken, doch auf Tabith zu hören. Entschlossen schüttelte er das Unwohlsein ab. Er war nicht zum Regent von Sumapask gewählt worden, weil er sich den Arsch auf einem Thron platt saß, bis er wirklich pickelig und zudem fett wurde. Ja, die Trennung von Sumaria und Paskania gab es offiziell nicht mehr, aber bis sich das in den Köpfen der Bewohner widerspiegelte, würden noch so einige Sonnendämmerungen vergehen. Es gab eine Reihe an Feinden, denen die Wiedervereinigung nicht passte. Wenn sie dadurch einen Vorteil erzielen konnten, würden manche einfach alles tun und Sumapask erneut ins Chaos stürzen, ohne einen Hauch Reue zu empfinden. Die ewig Unzufriedenen und Hassenden ließen sich leicht verführen, sodass es für Feinde ein Kinderspiel darstellte, Ungemach zu verbreiten.
Nadena und er hatten noch viel zu tun, bis Sumapask eine Stabilität erreichte, die Angriffen von innen und außen standhielt. Nadena regierte zwar das ehemalige Paskania, aber auch sie unterstand Sakuro. In dieser Hinsicht war sie mehr als glücklich, ihren Kampf für Frieden nicht mehr allein ausführen zu müssen. Schließlich hatte sie über Sonnendämmerungen hinweg, ihrem Land dabei zusehen müssen, wie es immer mehr unterging, da ein paar Individuen Profit aus allem schlagen wollten, sogar wenn es den Untergang einer ganzen Spezies bedeutete. Doch in ihrem Bett wollte sie Sakuro nicht! So weit reichte ihre Freude keinesfalls.
Hör auf, daran zu denken! Konzentrier dich aufs Wesentliche!
Ob die Erde, etwas mit der Bedrohung zu tun hatte? Zogen ein paar Mächtige dort die Strippen? Oder war der Planet ein zufälliges Opfer in einem perfiden Spiel um Herrschaft und Reichtum? Denn darauf lief schlussendlich jeder Krieg hinaus. Die Schattentoten waren die schlimmste Bedrohung, die Sakuro jemals erlebt hatte. Ein Infizierter reichte aus, um letzten Endes das menschliche Leben eines ganzen Planeten auszurotten, falls man nicht wusste, wie man die Bedrohung eindämmen und ausmerzen konnte. Ein Tropfen des hochansteckenden Bluts ins Auge, eine Wunde oder den Mund reichten, um ein intelligentes, gesundes Wesen in eine Kreatur des Wahnsinns zu verwandeln, das nur noch Fressgier kannte.
Der Grad der Infektion war jedoch unterschiedlich, einige behielten ein geringes Maß an Verstand, um die anderen zu lenken. Warum, das geschah, hatten sie noch nicht herausgefunden.
Die Magie der Sternentochter hatte bei Diegos Verrat sehr viele Infizierte gerettet, aber Fia konnte nicht unbegrenzt auf diese Macht zugreifen. Zudem stand sie kurz vor der Niederkunft. Wahrscheinlich besaß auch das Kind Kräfte, doch genau wissen, konnte das niemand zum jetzigen Zeitpunkt. Der Schutz von Mutter und Kind stand allerdings ganz oben auf Sakuros Liste. Die Gefahr, dass jemand beide entführen oder töten könnte, war mehr als real. Außerdem hatte Christor, ihr Heiler, einen Impfstoff entwickeln können, der leider nicht bei jedem wirkte. Ein weiteres Rätsel in dieser unfairen Gleichung. Es wurde aus Fias Blut gewonnen, aber sie konnte natürlich nicht ständig spenden. Zurzeit stand das sowieso außer Frage. Tabith, Rasul und er hatten Glück. Sie waren dank Christors Impfstoff inzwischen immun gegen die Seuche. Erstaunlicherweise zeigten sich auch die Drakanier resistent gegen die Bedrohung. Unerfreulicherweise konnten sie keinen Nutzen daraus ziehen, denn ihr Blut eignete sich nicht zur Herstellung eines Antimittels.
„Rasul, willst du wirklich mitkommen? Fias Entbindung steht kurz bevor.“ Sakuro traf den Blick seiner rechten Hand und hielt ihn.
„Wir haben noch zwei Wochen. Mehr oder weniger. Bis dahin sind wir längst zurück. Wir wollen uns nur einen schnellen Überblick verschaffen.“
Sakuro wusste, dass es besser wäre, wenn sowohl sein ranghöchster Mann als auch er auf Sumapask bleiben würden, denn sie verfügten über genügend zuverlässige Männer, die für sie gehen könnten. Aber Rasul ließ sich ebenso ungern die Zügel aus der Hand nehmen, wie er. Manche Dinge musste man persönlich erledigen. Das wusste man einfach. Ein Bergesel erkannte einen Bergesel, sobald ihm einer gegenüberstand. Daher war es sinnlos, mit Rasul zu diskutieren. Und außerdem verstand er Rasul. Dieser innere Drang, endlich aktiv zu werden, ließ sich nicht bezwingen, da er mit jeder vergehenden Sekunde stärker wütete. Fast, als würde ihn jemand zwingen, auf die Erde zu reisen.
Sakuro würde dieses Gefühl gerne als totalen Blödsinn abtun, allerdings reichte es hartnäckig bis in sein Herz hinein.
„Wir huschen schnell rein und wieder raus, ehe die Erdianer uns bemerken. Unsere Tarntechnologie schützt uns vor neugierigen Blicken. Vielleicht haben wir Glück und unser Eingreifen kommt noch rechtzeitig, um Schlimmeres zu verhindern“, sagte Sakuro. Jedoch war Glück ein launisches Biest! „Falls erforderlich, können Einheiten nachkommen. Aber wir müssen mit eigenen Augen sehen, was los ist.“
Mit einem Nicken verabschiedete er Rasul und Tabith. Die Zeit war knapp, und ehe sie losflogen, musste jede Sekunde für Vorbereitungen genutzt werden. Auf der Erde würden sie, abhängig von der Schwere des möglichen Befalls, ihr weiteres Vorgehen entscheiden.
Noch vor einer Sonnendämmerung hatte Sakuro nicht an Magie aus der alten Welt geglaubt. Jetzt allerdings flehte er sie um Beistand an.


Kapitel 2

„Du bist wunderschön, gleich einer finsteren Nacht und erscheinst so echt“, flüsterte June, während sie den Wolf ebenso anstarrte, wie er sie. Sein Blick war ein Strudel, der sie direkt ins Gemälde zu ziehen schien. Ihre Haut prickelte von dem Zauber seiner geheimnisvollen Ausstrahlung. Diese optische Täuschung war ihr wirklich gelungen, denn das Gemälde wirkte beinahe beängstigend in seiner Lebendigkeit, fast, als wollte das Tier gleich aus der Leinwand springen. Dieser Effekt war nicht nur den eindringlichen bernsteinfarbenen Augen geschuldet, sondern auch der schleichenden Körperhaltung. Sein blau schattiertes Fell trat dramatisch aus dem nachtblauen, nebelverhangenen Hintergrund hervor. Langsam lief June näher, als würde eine schnelle Bewegung ihn verscheuchen. Er war ein Nebelwolf, geschaffen von der Magie einer alten Welt. Natürlich gab es weder das eine noch das andere auf der Erde, aber in ihren Fantasywelten durchaus. Wenn es bloß wahr wäre! Um der harten Wirklichkeit zu entgehen, hatte sie sich nicht nur als Kind ständig in ihre ausgedachten Universen gerettet. Sogar heute tat sie es so manches Mal.
Mit den Fingerspitzen strich sie über die Pferde, die neben ihm an der Wand hingen. Ihre Körper schimmerten in Kupfertönen, die einen Kontrast zu dem weißen Gras boten. Eines zierte eine Blässe in Form einer weißen Rose. June wusste nicht, wieso sie das gemalt hatte, doch die Blume auf dem Kopf des Pferdes machte das Bild perfekt. Sobald sie ihre Werke betrachtete, erfasste eine tiefe Ruhe June. Bis zu dieser Zufriedenheit war es jedoch ein steiniger Weg gewesen, sich einzugestehen, dass man ohne überheblich zu sein, durchaus stolz auf sich selbst sein durfte.
Abwesend rieb sie über die Narbe auf ihrer Wirbelsäule. Ihre Mum hatte ihr wiederholt erzählt, dass June als Fünfjährige dem Tod knapp entkommen sei. Ein Auto hatte sie vor ihrem damaligen Haus auf dem Fahrrad angefahren. Bis zum heutigen Tag fand June es eigenartig, dass sie keine Erinnerungen mehr daran hatte. Ihre Mum hatte es mit der Schwere des Unfalls erklärt. Ihrer Meinung nach, hatte June das einschneidende Erlebnis dermaßen gründlich verdrängt, bis es aus ihrem Gedächtnis verschwand. Die Ärzte hatten ihr einen künstlichen Wirbel eingesetzt, der in letzter Zeit ständig schmerzte und juckte. Daher hatte sie sich vor zwei Wochen röntgen lassen und das Resultat beunruhigte sie auch in dieser Sekunde, da die Aufnahmen nichts von einem Eingriff zeigten. Die Narbe war das einzige Indiz. Umso mehr sie darüber nachgrübelte, desto frustrierender wurde es. Der Arzt hatte sie angesehen, als wäre sie nicht bei Verstand.
Konzentrier dich auf das Schöne! Auf deine Kunst.
Leider stellten sie nicht alle Bilder zufrieden. Innerlich seufzend, begutachtete sie das Landschaftsbild, das sie Tag und Nacht beschäftigte. Es war nicht ungewöhnlich für sie, sich in der Malerei zu verlieren. Ihre wilde, künstlerische Seite bildete einen Gegensatz zu der zurückgezogenen, ruhigen June. Aber dieses Motiv machte sie wirklich verrückt! Noch nie hatte sie sich so schwergetan, eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Vielleicht klappte es dieses Mal nicht, da ihr mehr Zeit als früher zur Verfügung stand, sie nicht einen Abgabetermin nach dem anderen erfüllen musste. Möglicherweise funktionierte sie nur unter Druck richtig.
So ein Quatsch! Es gibt für alles ein erstes Mal und du wirst auch diese Klippe meistern. Alles ist so, wie es sein soll. Versuch nicht wieder in die Vergangenheit abzudriften.
Jetzt war Junes Leben ihr sehnlichster wahrgewordener Wunsch. Sie hatte den Luxus, dass sie ihre Passion zum Beruf machen konnte. June entwarf Buchcover, Plakate für Computerspiele und Fantasyfilme und nahm längst nicht mehr jeden Auftrag an. Und als Krönung malte sie manche Bilder nur für sich. Sie wollte keine Reichtümer mehr horten, sondern ihr Leben genießen, indem sie das bisher angehäufte Geld ausgab, ohne an das Morgen zu denken. Nachdem June sich von ihrem Verlobten Tim getrennt hatte, hatte sie einen ganz neuen Abschnitt in der Junewelt begonnen.
Dennoch dachte sie andauernd an Tim! An die Sicherheit, nicht allein zu sein. Jemanden zu haben, der einen hielt, wenn man es brauchte. Manchmal wünschte sie sich eine Trennung im Hass herbei. Ein Teil von ihr liebte ihn bis zum heutigen Tag und trauerte alten Zeiten hinterher. Mit einem Knall wäre es leichter gewesen, Tim zur Seite zu schubsen, damit sie sich neu verlieben konnte. Das setzte allerdings Verabredungen voraus, zu denen sie noch nicht bereit war. Eigentlich hatten sie oberflächlich betrachtet, hervorragend zusammengepasst, doch Tim war zunehmend unglücklicher in ihrer Beziehung gewesen und ehrlicherweise war es ihr genauso ergangen. Etwas Wichtiges hatte gefehlt und nach drei Jahren konnte Tim dieses stetig größer werdende Loch nicht mehr ignorieren.
Oft hatte sie sich gefragt, was genau nicht gereicht hatte. Vielleicht war Tim einfach zu lieb, zu langweilig für sie gewesen, mit seinem ständigen nervigen Durchgeplane bis in den letzten Winkel ihrer Existenz. Karriere war ihm über alles gegangen und zudem ein sehr hoher Lebensstandard. Irgendwie blieben sie dabei als Paar auf der Strecke, denn auch June war der festen Überzeugung gewesen, dass sie das wollte.
Am durchaus zufriedenstellenden Sex hatte es ebenfalls nicht gelegen, der ihr zwar nicht den Boden unter den Füßen wegzogen, aber für rosafarbene Orgasmen gereicht hatte. June dagegen plagte immer das Gefühl, dass sie ihm nicht hübsch, dünn, großbusig oder ihre Augen nicht blau genug waren. Tim schien einer Frau hinterherzujagen, die er sich aus Bauteilen zusammensetzen konnte, damit sie genau seinem Ideal entsprach. Wie war das noch gleich mit den inneren Werten? Aber vielleicht diente das lediglich, als Tims Rechtfertigung, um die Trennung vor sich selbst zu legitimeren. Ihr war es ja nicht anders ergangen. Wahrscheinlich hatte auch er verzweifelt nach Gründen gesucht, auf die er einfach nicht den Finger legen konnte. Und das mit den Bauteilen konnte sie sich auf die eigene Nase kleben. Eigentlich traf keinen von ihnen eine Schuld. Das Auseinanderdriften war irgendwie geschehen.
Und das brachte sie zurück zu ihren Träumereien. Sie liebte Liebesromane mit einem Alphahelden, der seine Beute mit sanftem Nachdruck entführte, und dabei war es June egal, ob ein Wikinger, Highlander oder Scheich den heißen Part übernahm. Mittlerweile fragte sie sich, ob es das war, wonach sie sich sehnte. Einen dominanten Partner, der Dinge mit ihr tat, die sie eigentlich nicht wollte, insgeheim aber doch. In ihrem Inneren existierte eindeutig ein Begehren nach einer harten Hand, die sich einfach nahm, was sie wollte. Und die Hand gehörte zu einem Kerl, der auch nicht davor zurückschreckte Gewalt einzusetzen, um zu bekommen, wonach es ihm gelüstete. Doch das waren Bedürfnisse, die niemals Erfüllung finden würden, weil sie nicht in moderne Zeiten passten und mit ihrem Weltbild kollidierten. Nötigung in jeglicher Form war untolerierbar. Und Arschlöcher, die Schwächeren Brutalität antaten, durften nicht frei herumlaufen.
Das ist ja auch nicht, was du willst. Du willst sexuelle Unterwerfung und keine, die sich auf dein ganzes Sein ausdehnt.
Also ein reines Fantasiegespinst! Sie wäre sicherlich die schlechteste Sklavin aller Zeiten mit ihrer Sturheit, der Unfähigkeit, als Team-Player zu agieren. Außerdem konnte sie es nicht ertragen, wenn man sie einengte oder über sie bestimmte. Diese Erkenntnisse waren ihr jedoch erst in den letzten Wochen bewusst geworden. Sie hatte bis vor ein paar Monaten in der angesagtesten Grafikagentur Londons gearbeitet und sich ständig mit ihren Chefs angelegt. Nein, sie war wahrlich nicht jemand, der sich unterordnen konnte. Mit der Trennung von Tim, hatte sie auch mit allem anderen gebrochen. Die stylische, überteuerte, kühle, ziemlich kleine Wohnung aus der Großstadt, in eine umgebaute Scheune in Schottland, und ihren sehr gut bezahlten Job gegen die Selbstständigkeit, ausgetauscht. Zurückgelassen hatte sie obendrein einen Freundeskreis, der bei genauerer Betrachtung die Bezeichnung Freund ebenso wenig verdiente wie sie. Zurzeit lebte sie ein zurückgezogenes Eremitendasein und fühlte sich eigentlich so wohl wie noch nie.
Wäre da nicht diese unerklärliche grauenvolle Unruhe, die sie ständig heimsuchte. Gestern Nacht hatte sie sich eingebildet, dass etwas um ihr Haus schlich, mit dem sie es allein aufnehmen musste, da die nächsten Nachbarn gut vier Kilometer entfernt wohnten. Sonst liebte sie die Abgeschiedenheit, doch in den tiefschwarzen Stunden, als sie aus dem Schlaf hochgeschreckt war, hatte sie eine noch nie dagewesene Angst gespürt, die nicht nur ihren Körper, sondern vor allem ihren Verstand überwältigt hatte. Als hätte sich etwas Schreckliches auf den Weg gemacht, um sie zu holen. Sie sollte sich wirklich den Hund zulegen, von dem sie seit Jahren träumte. Beim Bäcker hing ein Aushang mit niedlichen Labradormischlingswelpen, die ein Farmer in gute Hände abgeben wollte. June hatte sich die Kontaktdaten notiert und wollte heute Abend dort anrufen.
Seufzend sah June sich in ihrem chaotischen Atelier um. Es gelang ihr nie, diesen Raum dauerhaft aufgeräumt zu lassen. Leinwände, Pinsel, Acrylfarben und Kunstbücher befanden sich einfach überall - ihr geliebter Ort der Inspiration. In einer Ecke stand ein Schreibtisch mit einem großen Bildschirm und der besten Gestaltungssoftware, die es zurzeit auf dem Markt gab. June erstellte meistens eine grobe Skizze, die sie dann in eine digitale Version umwandelte und manchmal auch auf die Leinwand brachte. Egal, wie schön ein grafisches Abbild erschien, es konnte nie mit einem gemalten Bild mithalten. Erst dann bekam es eine Seele.
June drehte einen Keilrahmen herum und betrachtete verlangend das Motiv. Ihn hatte sie allein für sich gemalt. Er stand halb im Schatten und das Licht erhellte einen gestählten Oberkörper, der beinahe kupferartig wirkte. Das linke Schulterblatt zierte ein Tattoo - eine Klinge, um die sich brombeerfarbene Fantasyblüten mit silbernen Spitzen rankten. Sein blauschwarzes Haar schimmerte und seine leicht schrägstehenden Augen wiesen die Farbe von Moos mit goldenen Einschlüssen auf. Die Nase war stolz, das Gesicht zu hart, um schön zu sein. Aber Junes Geschmack traf er ganz und gar und sie sah sich bereits über seiner Schulter hängen. Von ihm würde sie sich gerne verschleppen lassen. Allerdings konnte sie sich nicht entscheiden, woher er stammte. Weder Wikinger noch Pirat passten zu ihm. Vielleicht war er nicht von dieser Welt. Ja, das würde ihr gefallen.
Natürlich trug er seiner kriegerischen Ausstrahlung entsprechend, eine dunkelbraune Lederhose und einen Gürtel mit einer prächtigen Schnalle, die wie eine Eidechse geformt war. Der Keilrahmen war riesig, aber mit etwas Kleinerem hätte er sich nicht zufriedengegeben. Noch hatte das Gemälde keinen Titel, doch es musste auf jeden Fall ein Name sein, der ihm gerecht wurde.
Sie glitt mit einem Finger über seinen Wangenknochen, hinunter zu den Lippen, bei der die untere fast ein wenig zu voll war. Sie empfand seinen unergründlichen, überlegenen Gesichtsausdruck als äußerst sexy.
King of Darkness!
Dieser Titel gefiel ihr und vervollständigte das Gemälde. Sie hing nie ein namenloses Bild auf. June hatte bereits den perfekten Platz dafür ausgewählt, und zwar im großzügigen Eingangsbereich über der alten Truhe. Auf ihn würde der Blick zuerst fallen, sobald man ihr Haus betrat. Ihre Finger glitten weiter, zu seiner Brustwarze und dann zum Tattoo. Die gewellte Klinge des Dolches mit dem kunstvoll angelegten Griff, der einem Blütenblatt ähnelte, wirkte so echt, dass sie die Spitze beinahe vorsichtig berührte. Das eigene Verhalten ließ June lächeln. Verzückt riss June sich von dem Anblick los und drehte sich wieder der unkooperativen Landschaft zu.
Mit ihr stimmte etwas nicht, doch sie konnte nicht ausmachen, was fehlte. Aber es störte sie wahnsinnig, wie ein Jucken, an das man nicht herankam. Eine brennende Hitze zuckte kurz durch ihren Wirbel, der sie beinahe aufschreien ließ. Es prickelte nachhaltig, während sie das Motiv anstarrte, es erneut sowohl künstlerisch als auch handwerklich auseinandernahm. Zuerst hatte sie den Makel in der Perspektive gesucht, doch die Größenverhältnisse passten. Im Vordergrund schimmerte ein goldener See. Tiefrote Seerosen trieben auf der Oberfläche und schwarzer fedriger Farn mit blutroten Spitzen säumte das Ufer.
June blinzelte mehrere Male, da die Landschaft vor ihren Augen flimmerte, für den Bruchteil einer Sekunde beinahe in Bewegung geriet, als würde sich die Wasseroberfläche kräuseln und die Pflanzen sich im Wind wiegen.
Und dann wusste sie urplötzlich, was nicht stimmte. Wieso, war ihr das nicht sofort aufgefallen? Diese fantastisch anmutende Szenerie brauchte zwei Monde. In ihrer Vorstellung leuchteten sie tagsüber in warmen Rottönen und nachts in einem silbrigen Indigoblau. Adrenalin flutete ihren Körper und sie fühlte sich, als hätte sie auf nüchternem Magen drei doppelte Espressi getrunken. June musste es sofort erledigen. Der innere Drang nagte so gewaltig, dass sie sich den Keilrahmen schnappte und ihn auf den kippbaren Arbeitstisch legte. Dann wählte sie die erforderlichen Rot- und Orangetöne, sowie schwarz und weiß aus, und verteilte sie auf der Keramikpalette. Sie holte zwei Gläser mit unterschiedlichen Durchmessern und nutzte sie als Schablonen, die sie mit einem Aquarellstift umrahmte. Dann füllte sie vier Behälter mit Wasser und nahm einen tiefen Atemzug, ehe sie zu einem Katzenzungenpinsel griff.
Ihre zitternde Hand beruhigte sich, sobald sie die Borsten erst ins Wasser und dann ins Weiß eintauchte, um die Monde auszumalen. Nur auf Weiß erreichten die Farben ihre wahre Brillanz. Der erste Pinselstrich entspannte sie. Es fühlte sich richtig an, beinahe berauschend und eine tiefe Zufriedenheit erfasste sie, die sie selbst nicht verstand. Es war nicht ihr bestes oder handwerklich aufwendigstes Werk, doch es erschien irgendwie besonders. Anschließend wählte sie das Kadmiumorange und -rot aus und verdunkelte die Farben mit ein wenig Schwarz, bis sie jeweils drei Schattierungen hatte, damit sie die Monde mit Schatten und hellen Bereichen versehen konnte und die flachen Gebilde schlussendlich plastisch wirkten. June vervollständigte noch die Spiegelung auf dem See und beugte sich gebannt über den Tisch, ehe sie sich aus der Starre reißen konnte.
Was hast du vor? Willst du in den See springen?
Das eigene hysterische Lachen ließ sie zusammenzucken, doch es riss sie aus der seltsamen tranceähnlichen Stimmung. Sie richtete ihre Gedanken auf ihre Arbeitsschritte. Morgen musste sie noch Firnis auftragen. June wusch die Pinsel aus und sah zu dem Bild, das erneut vor ihren Augen flackerte, dieses Mal länger als vorhin.
Was zum Teufel!
Der Drang, die Landschaft zu berühren, ließ sie den Arm ausstrecken. Da Acrylfarben schnell trockneten, stellte es bei ihnen kein Problem dar. Leicht legte sie ihre Fingerspitzen auf die Wasseroberfläche. Die seidige Konsistenz des warmen Wassers umspülte ihre Haut. Bevor sie realisierte, dass es unmöglich war, durchfuhr ein Schlag ihren Körper. June verschluckte den Schrei, während stechender Schmerz durch ihren Kopf jagte. Das Arbeitszimmer explodierte in grellen Lichtblitzen, ließ sie die Augen zukneifen, weil der schwindelerregende Effekt kaum zu ertragen war. Dreimal schlug ihr Herz, bis sie es wagte, die Lider zu öffnen. Ihr Schrei verließ nie ihre Kehle, denn im selben Moment schnürte sich ihr Hals zu. June befand sich gleichzeitig in einem Gewölbe und in ihrem Atelier, das jedoch sekündlich in den Hintergrund verblasste. Die Kälte kroch ihr nicht nur über den Leib, ihr Innerstes füllte sich mit dem eisigen Gefühl. Der Geruch von Verwesung, Blut, Moder und einer grauenvollen Angst stieg ihr in die Nase und schien ihre Lunge zu verklumpen. Zuerst schaute sie an sich hinunter, erfasste die farbenbeschmierte Hose sowie das weite T-Shirt. Sie hob den Blick und Entsetzen packte sie, da ein nackter Mann gefesselt auf einer Pritsche lag, die Glieder überzogen mit Verletzungen. Seine Haut schimmerte in einem hellen Grau getränkt von Rot.
Kobaltblaue Augen starrten sie krampfhaft an. „Hilf mir, June.“
Er sprach die Worte dermaßen eindringlich und verzweifelt aus, dass Tränen hinter ihren Lidern brannten. Sie streckte die Hände aus, wollte ihn berühren, doch die Perspektive änderte sich. June war nicht mehr Beobachterin, sondern lag auf der Holzliege, gefangen in seinem schmerzenden Leib. Sein Bewusstsein verschmolz mit ihrem, bis seine Angst sie überrollte. Die Knie ihres realen Körpers gaben nach, bis sie zu Boden sank. Holz drückte ihr gegen den Rücken, Fesseln schnitten ihr ins Fleisch, raubten ihr den Atem. Junes Gedanken vermischten sich mit seinen. Von einer Sekunde zur nächsten kannte sie seinen Namen - Eldor.
Eine vermummte Gestalt rammte einen Speer in seinen … ihren Oberschenkel. Etwas in ihr wollte die Fratze des Folterers nicht sehen, weigerte sich, ihm ins Antlitz zu starren, betete darum, keinen Blick auf die Widerlichkeit zu erhaschen. Der fordernde Schmerz löschte alle anderen Empfindungen aus. Er zwängte ihren Kiefer auf und Blut rann den Rachenraum hinab. June schrie gequält auf, da das Gefühl von zerberstenden Lungen sie förmlich auseinanderriss. So verrückt! Ihr Innerstes brannte, denn diese Pein erschien schlimmer als die Klinge. Ihre Knochen explodierten mit schneidender Agonie.
Sie starb. Eldor starb. Die Welt um sie herum starb, versank in einem absoluten Nichts.
Schwärze breitete sich aus und zog sich dann wie ein Nebel zurück. Keuchend lag June auf dem Boden ihres Ateliers. Der durchdringende Geschmack von Kupfer verdrängte den kurzen Moment der Erleichterung. Würgend schaffte sie es ins Badezimmer und fiel neben der Toilette auf die Knie. Als das Würgen endlich aufhörte, stand sie auf und spülte sich am Waschbecken den Mund mehrere Male aus. Sie traute sich nicht in den Spiegel zu sehen, aus Angst, was sie dort erblicken könnte. Der ekelhafte Geschmack, ließ sich nicht länger ignorieren. Ihre Hände zitterten unkontrollierbar, zwangen sie innezuhalten, bevor sie die Zahnpasta auf der elektrischen Zahnbürste verteilen konnte.
Verzweifelt suchte sie nach einer logischen Erklärung. In ihrem Leben existierte kein Platz für Visionen. Träumereien konnte sie sich erlauben, weil sie diese brauchte. Doch Einbildungen waren etwas ganz Anderes und vielleicht erste Anzeichen des Wahnsinns! Sie weigerte sich, auch nur eine weitere Sekunde an diese grauenvolle Vorstellung zu verschwenden. Die Krankheit ihrer Mutter war nicht vererbbar! Oder doch?
„Eldor“, flüsterte sie. Unvorstellbar, was die Gestalt ihm … ihr angetan hatte.
Der Verstand sagte ihr, dass der Zwischenfall ihrer Erschöpfung entspringen musste, den vielen Veränderungen in ihrem Leben sowie der Trennung von Tim. Jedoch reagierte sie nicht auf die beruhigenden Gedanken, denn es könnte auch Schizophrenie sein.
Die gellenden Schreie von Eldor hallten ihr erneut in den Ohren. Der Anblick der Messer und Speere, die diese schreckliche Kreatur in ihn und damit auch in sie gestoßen hatte, stand ihr lebhaft vor Augen. June hatte es gespürt und geschmeckt, die entsetzliche Angst, durchzogen von Schmerz, besonders als das Blut seine Kehle hinunterlief, denn das hatte sein Bewusstsein und seinen Körper unauslöschlich verändert.
Du brauchst nicht nachzusehen! Das alles ist nicht real!
Endlich schaffte sie es, den eigenen Blick im Spiegel zu treffen und ihre vertrauten Gesichtszüge ließen sie aufatmen. Obwohl es total dämlich erschien, musste sie sich davon überzeugen, dass keine Verletzungen sie entstellten. Ein paar Momente, rang sie mit der Angst sich auszuziehen. Schlussendlich stand sie nackt vorm großen Spiegel im Foyer und fühlte das beruhigende Gefühl der Holzdielen unter den Füßen.
Nicht eine Schramme verunstaltete ihre Haut. Die gespürte Erleichterung ließ sie ihre Hand auf die Stelle über ihrem schnell schlagenden Herzen legen. Was immer, das auch gewesen war, hatte sie aus seinen Klauen gelassen. Ob sie einen Psychiater aufsuchen sollte? Oder reagierte June nur wegen ihrer Mum so panisch und mit ihr war alles in Ordnung? Zugegeben, das Erlebte war nicht normal und verflucht angsteinflößend gewesen, aber eine mögliche Krankheit einzugestehen, überforderte June gründlich. Wenn sie das in Erwägung zog, und als gegeben akzeptierte, war ihr gewohntes Leben vorbei. Sie würde unter Drogen gesetzt werden, müsste ständig Tabletten nehmen und vielleicht sogar in einer Anstalt landen.